Aktuelles Heft

Cover Gemeindebrief 2018-02

Download der aktuellen Ausgabe

 

Titelthema: Rituale

Gemeindebrief-Ausgabe 4/2018
(Dezember 2018 – Februar 2019)

Liebe Gemeinde,

„Nicht schon wieder!“, denke ich mir, als ich neulich abends meiner 5-jährigen Tochter das gleiche Gute-Nacht-Lied wie die Abende zuvor singen musste. „Mama, kannst du bitte meine Decke noch ein kleines Stückchen runter ziehen.“ Diese Bitte erfülle ich meinem Sohn jeden Abend, damit er gut einschlafen kann. Immer wieder dasselbe Lied, dieselbe Geschichte, dasselbe Tischgebet, die gleiche Handlung, das sind wichtige Rituale, die meinen Kindern Sicherheit geben. Aber nicht nur für Kinder sind Rituale wichtig, sondern wir alle haben bestimmte Angewohnheiten, regelmäßige Ticks, wiederkehrende Feste, die uns helfen, eine Struktur in unseren Alltag, in unser Leben zu bringen. Welche Rituale sind Ihnen, Ihrer Familie besonders wichtig und geben Ihnen Halt? Der morgendliche Kaffee im Bett, das Zeitungslesen in der Mittagespause, der Krimi am Sonntagabend, das Feierabendbier, der sonntägliche Gottesdienst, die Feier der Kirchenjahresfeste oder …? „Solche Rituale geben einen bestimmten Ablauf vor, der uns Ruhe und Sicherheit gibt“, sagt die Psychologin Meike Watzlawik von der Technischen Universität Braunschweig. „Wir alle brauchen Rituale, um unsere Umwelt zu strukturieren. So haben wir das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben.“ Dadurch kann sich das Gefühl von Zuverlässigkeit und das, sich auf andere verlassen zu können, entwickeln. Ein Beispiel ist der Kirchenjahreskreis mit seinen immer wiederkehrenden Festen. Das Weihnachtsfest hat in vielen Familien einen stark ritualisierten Charakter. Daher sind wohl an Weihnachten unsere Gottesdienste besonders gut besucht, weil sich die Menschen nach einer immer wiederkehrenden tragenden Gemeinschaft sehnen, die mit dem Fest der Geburt Jesu verbunden ist. Wie schön wäre es, wenn wir nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über die christlichen Rituale, die schon Generationen vor uns gepflegt haben, wieder mehr in unseren Alltag übernehmen würden, damit sie nicht verloren gehen! Gerade in einer Zeit, die immer unübersichtlicher, unruhiger und digitalisierter wird, geben Rituale Struktur und Halt in einem hektischen Alltag. Jesus hat sich regelmäßig zum Beten zurückgezogen, um wieder Kraft für seine Worte und Werke zu bekommen. Warum also nicht auch den Tag mit einem Gebet beginnen oder enden lassen? Das Dankgebet vor dem Essen hat für Jesus als jüdisches Ritual fest dazu gehört. Wer betet heute noch bei den Mahlzeiten? Die ersten Christen haben sich jeden Sonntag zum Gottesdienst und gemeinsamen Mahl getroffen, sie haben die großen Feste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten miteinander gefeiert. Viele Kinder kennen heute gar nicht mehr die eigentliche Bedeutung dieser Feste. Christliche Rituale, wie ein Gebet, die Taufkerze, die Jahresfeste oder ein „Gott behüte Dich!“ weisen auf Gott hin und sind eine Möglichkeit, im Alltag das Vertrauen in ein göttliches Gegenüber zu stärken. Daher will ich Sie dazu ermuntern, gemeinsam mit den Kindern oder auch nur für sich selbst solche stärkenden Rituale, wie wir sie in unserem Christentum haben, rege zu pflegen. Auch wenn dann mal wie bei uns zuhause die ganze Winterzeit über das Lied: „Geh‘ aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit“ gesungen werden muss, weil es das Lieblingslied meiner Tochter ist.

Ihre Pfarrerin Christine Untch